Bewertung 5.5/6 Pommesgabeln
Genre Dark Metal, Black Metal
Label Napalm Records
Releasedatum 17. Oktober 2014
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Nachtblut - Chimonas

10. Oktober 2014, 19:58 - album, review, napalm-records, nachtblut - geposted von Janus

Prost sagt man in Soest, aber was sagt man in Osnabrück?!
Diese (nicht!) und andere Fragen (jawoll!) beantwortet vielleicht die neue Scheibe von Nachtblut, dem Dunkel-Metall-Quintett aus Osnabrück.
Es ist der vierte Langspieler der Truppe und erscheint am 17.10.2014 bei Napalm Records. Die Truppe, die man nicht immer ganz ernst nehmen kann (also mich hat die "Alles-Nur-Geklaut"-Grunz-und-Quiek-Version ja ziemlich belustigt...) ist jetzt auch schon seit 2005 unterwegs und war bisher immer für solides düster-melodisches Geknüppel mit deutschen Texten bekannt. Während die Anfänge zumindest für mich noch deutlich Eisregen´sch geprägt waren, machen die Jungs mittlerweile ihr eigenes Ding und ich bin gespannt, was es diesmal Leckeres gibt.

Die erste Auskopplung des neuen Albums ist "Wie Gott sein" - hört doch einfach mal rein:

Review:

So, noch mal schnell den Nacken eingerenkt, bevor er sich für die nächsten Tage verabschiedet - dann los!

Den Anfang macht Gotteskrieger. Anfänglich hält sich das Tempo noch in Maßen und ich vermutete einen soliden symphonischen Stampfer. Nach ca. 30 Sekunden ist damit allerdings Schluss und der gute Askeroth kotzt mal pünktlich zur Tempo-Steigerung ordentlich ins Mikro. Und dann? Wirds wieder gemäßigt. Und dann... wieder nicht! Fettes Riffing mit punktierenden Drums wechseln sich mit solidem Geknüppel untermalt vom Geschrei des düsteren Stimmchens ab und kommt dann zur Mitte des Songs auf ein instrumental ruhigeres Terrain, begleitet von Synth-Chorälen. Das ist allerdings der Moment, in dem der Schreihals richtig loslegt. Nachdem er sich ein bisschen ausgetobt hat wird das Ganze doch noch ein knüppeliger Stampfer. Nach etwa 5 Minuten bricht das Ganze kurz ein und eine cleane Gitarre und Synthie-Streicher bauen langsam den Final-Knall auf. Solide.

Weiter gehts mit Wien 1683, welches pompös mit Trommeln und Bläsern loslegt, wie in den guten Römer-Kriegsfilmen, nur um dann unter Geschrei, sattem Riffing, drückenden Drums, hervorragend wummerndem Bass und einer fast mittelalterlichen Streichermelodie loszulegen. Der Spaß mündet in einer Up-Beat-Kampf-Hymne. Manowar in gut. (Ja, ich kanns auch kaum glauben.) Stampfer und melodischer Ausbruch wechseln sich ab. Inhaltlich befasst man sich übrigens mit der zweiten Belagerung Wiens durch die Türken. Das erklärt dann vielleicht den Marschmusik-Charakter, der hier aber vorzüglich passt.

Als Nächstes widmen wir uns der ersten Single-Auskopplung namens Wie Gott sein.
Was mit seichtem Piano beginnt, wird früh von Chorälen, drückendem Riffing und klassischen Rock-Drums abgelöst und das wiederum wird gefolgt von getragenen Hintergrund-Keys und nur leicht verzerrtem Gesang des Fronters. Nach anderthalb Minuten voll der Klagen über tote Kinder, verliert der Gute sich und wird laut und erklärt immer und immer wieder, dass wir nicht wie Gott sein dürfen, dass wir nicht feige wegsehen dürfen. Ein sehr schöner Track, der ziemlich geschliffen wirkt. Sehr schöne Leistung vor allem vom Nachtkehlchen, der mal flüsternd, mal redend, mal schreiend eine deutliche Anklage an Gott vorbringt. Instrumental wird das Ganze wirklich passend untermalt, sodass hier nicht viel zu meckern ist.

Kalt wie ein Grab beginnt mit klassischen Grusel-Keys, untermalt von stampfigem Riffing der Klampfen, Gepolter der Drums und schönem Friedhofsgeräuschkulissen-Charme. Das Spektakel baut sich langsam auf, indem Choräle hinzukommen, verzerrte Geräusche im Hintergrund und dann rummst es. Stampfer meets Horror-Film.

Weiter weiter ins Verderben, mit Und immer wenn die Nacht anbricht.
Wir beginnen auch hier mit Klavier und Chorälen, dazu Geflüster, sich stetig steigernd,
bis dann aus dem Flüstern Gesang wird, Gitarren einsetzen und das ganze drückend durch den Sound-Out wummert. Das Ganze trägt sich gut über den Bass und kleinere Tempo-Wechsel bauen sich nach Breaks immer wieder zu diesem Klang-Druck-Tsunami auf und läuft dann mit wieder einsetzendem Piano und Geflüster und zarten Streichern und Chorälen aus. Das Ganze wirkt ein bisschen wie eine verklärte Schnulze.

Schwarz beginnt mit cleaner Gitarre, wummert aber bald schon im mittlerweile wohldefinierten Klang-Gewand dieser Scheibe in mein Hirn. Diesmal beschränkt man sich aufs Gekeife und knüppelt an allen Fronten düster durch. Schöner und vor allem melodischer Nackenschüttler, der zu überzeugen weiß. Hier kann jeder Part ordentlich punkten. Schönes Ding.

So langsam wird mir klar, wohin die Reise geht mit diesem Album. Nach etwas mehr als der Hälfte sind wir nun bei Dort wo die Krähen im Kreise fliegen angekommen.
Und erneut haben wir Horror-Streicher und Piano, dazu Krähen... Ich hol mir jetzt meinen Teddy, ich hab Angst! Was gruselig beginnt, wandelt sich allerdings zu einem schönen Stampfer mit Doppel-Gesang - clean und kreischig kotzt man sich aus - zu mittlerweile ordentlich drückender Saiten-Folter und wahlweise Chorälen oder Piano. Nach gut 3 Minuten headbangt auch der Teddy und ich wische mir die Mischung aus Angst- und erstem Anstrengungs-Schweiß aus dem wohlgeschädigten Nacken.

Die Osnabrücker wollen uns also noch ein Märchen erzählen und tun dies mit ordentlichem Takt-Gewitter. Im Hintergrund geben poppige Choräle den Beat an, während Drums und die Saiten-Fraktion ordentlich Gewitter machen. Für Solo-Fetischisten gibt es auch noch ein Schmankerl und so kommt ein für Metal-Verhältnisse seltsam eingängiger und poppiger Song zum Ende. Die nächste Auskopplung? Trotz scheinbarer Massentauglichkeit bleibts aber auch hier bei solider Härte, keine Sorge.

Nach der Schmach, einen massentauglichen Song gemacht zu haben, war für echte Dunkel-Metaller klar, dass sie jetzt fordern: Töte mich!
Scherz beiseite, man geht hier sehr eingängig auf eine Situation ein, in der eine Person eine Andere darum bittet, für ihr Ableben zu sorgen. Instrumental wird das ganze im für dieses Album üblichen Rahmen abgehandelt: Choräle, stampfiger Beat, fettes Riffing mir ordentlichem Headbang-Faktor, dazu die hervorragend stimmigen Vocals. Für mich einer der Highlight-Tracks auf diesem Album.

Den Schluss macht Chimonas, der Titel-Song des Albums.
Hier wird nicht lang gefackelt. Drums und Gitarren geben den Takt vor, Keys verdüstern das Ganze und das Geschrei sorgt wie gehabt für solides Wohlfühl-Mitkrächzen.
Nach 5 Minuten ist das Bangen dann vorbei und unter tosendem Wind läuft der Langspieler noch eine Minute lang aus.


Tracks:

  1. Gotteskrieger (5.44)
  2. Wien 1683 (4.47)
  3. Wie Gott sein (3.31)
  4. Kalt wie ein Grab (4.19)
  5. Und immer wenn die Nacht anbricht (6.13)
  6. Schwarz (5.08)
  7. Dort wo die Krähen im Kreise fliegen (4.52)
  8. Märchen (3.52)
  9. Töte Mich (5.09)
  10. Chimonas (6.11)

Gesamtspielzeit: ca. 50 Minuten


Line-Up:

  • Askeroth (Gesang)
  • Trym (E-Bass)
  • Skoll (Schlagzeug)
  • Greif (E-Gitarre)
  • Lymania (Keyboard)

Fazit:

Nachdem mein Teddy gerade ebenso über Nackenschmerzen klagt wie ich, haben die Jungs also auf jeden Fall eine Menge richtig gemacht. Die ganze Scheibe hat durchgehend ein solides Klangbild, das mir persönlich absolut zusagt.

Die meisten Songs laden zum Mitbangen oder wenigstens zum Mitwippen ein.
Die individuellen Leistungen aller Musiker wirken solide: Es gibt ruhige Parts, es gibt harte Parts, es gibt schöne Parts, es gibt fast Alles hier. Die Abmischung empfinde ich ebenfalls als gelungen...

Bleibt nur ein wirkliches Manko. So ein richtiger Top-Hit ist nicht drauf,
wenngleich einige Tracks, beispielsweise Märchen, Töte mich oder auch Wie Gott sein sicherlich einige Anhänger finden werden und definitiv massentauglich sind.
Außerdem hab ich so einen Fun-Song, wie das bereits erwähnte Alles nur geklaut-Cover etwas vermisst. Das wäre ein schöner Bonus oben drauf gewesen.

Alles in Allem kommt bei der Scheibe aber rum, was dabei rumkommen soll:
Düsterer Metal mit Groove-Faktor und tollen Kompositionen, dazu hervorragende Vocals.

Und deswegen...

... gibt es auf jeden Fall 5.5 von 6 Pommesgabeln!